Die Intersputnik-Erdfunkstelle in Neu Golm wurde 1996 stillgelegt. Im Jahr 2002 richtete dort die Firma SENSYS GmbH ihren Hauptsitz ein. Seit Januar 2024 wird die Anlage reaktiviert und in eine Radiosternwarte für Schulen umgewandelt. Regelmäßig finden Veranstaltungen mit Vorträgen und Workshops für Schülerinnen, Schüler und Studierende statt.

Die erste offizielle Veranstaltung mit Schülerinnen, Schülern und Studierenden fand am 25. März 2025 statt. In den Workshops werten die Teilnehmenden radioastronomische Messungen aus, die mit der größten 12-Meter-Parabolantenne NG01 durchgeführt werden. Die Aufgaben sind speziell konzipiert und entstanden in Zusammenarbeit mit Joachim Köppen von der Universität Kiel. Ein Beispiel: Die Schülerinnen und Schüler rekonstruieren mithilfe gemessener Spektren die Spiralarme unserer Milchstraße und gewinnen dadurch einen Eindruck von unserem Platz im Universum.

Die Parabolantenne NG01 wurde als Radioteleskop für radioastronomische Beobachtungen bei der Wasserstofflinie ausgestattet. Von Dezember 2024 bis März 2025 wurde der erste Milchstraßensurvey in 5-Grad-Schritten mit einem analogen Winkelmesser durchgeführt; die Messergebnisse sind online verfügbar.

Zur Ausbildung junger Radioastronominnen und Radioastronomen steht ein NG01-Simulator bereit. Joachim Köppen hat das Online-Radioteleskop mit dem Echtzeit-Himmel in Neu Golm für die Radiometrie sowie für die Spektroskopie programmiert: Radiometrie mit NG01 und Spektrometrie mit NG01. Diese Werkzeuge sind ideal für den Einsatz im Unterricht als Übung vor echten Messungen. Bei zahlreichen bundesweiten Lehrerfortbildungen hat das Schülerforschungszentrum Workshops für Lehrkräfte betreut und Unterrichtsmaterialien bereitgestellt. Die FUTURA-Radiosternwarte entwickelt sich damit zu einem bundesweit wichtigen Ort für Radioastronomie in Schulen.

Die Bewerbung bei der NASA und die technische Herausforderung

Artemis II ist die erste bemannte Mondmission der NASA seit Apollo 17. Der Start war ursprünglich für Februar 2026 geplant; Ziel ist es, Systeme zu testen und Vorbereitungen für künftige Mondlandungen zu treffen. Die Mission wird etwa zehn Tage dauern. Während dieser Zeit wird die Besatzung den Mond umfliegen und einen Punkt in etwa 7.500 Kilometern Entfernung von der Mondrückseite erreichen, bevor sie zur Erde zurückkehrt.

Im September 2025 veröffentlichte die NASA einen Aufruf zur Unterstützung beim Empfang der Signale aus dem Orion-Raumschiff. Die Bodenstationen dienen dabei ausschließlich der präzisen Bestimmung der Signalfrequenz und nicht der Kommunikation mit dem Raumschiff.

„Die NASA sucht Freiwillige, die die Signale von Artemis II verfolgen, während die Crew ihre zehntägige EME-Mission absolviert. Ziel ist hierbei, die Dopplerverschiebung des Downlink-Trägersignals von Orion zu beobachten und zu dokumentieren.“ Quelle: Funkamateur

Im Oktober 2025 bewarben Dr. Safia Ouazi, Dr. Alexander Stendal und Dr. Andreas Fischer die Parabolantenne NG01 bei der NASA. Anfang Januar genehmigte die NASA die Bewerbung und veröffentlichte die Liste der teilnehmenden Stationen. Insgesamt wurden 34 Anlagen aus 14 Ländern ausgewählt: Regierungsanlagen wie das DLR, kommerzielle Empfangsstationen, individuelle und universitäre Stationen sowie Amateuranlagen wie die Sternwarte in Bochum und die FUTURA-Sternwarte in Neu Golm. Die NASA berichtete darüber auf ihrer Website: NASA selects participants to track Artemis II mission.

Für unsere neu reaktivierte Station stellte die Verfolgung von Artemis eine technische Herausforderung dar, der wir uns gerne stellten. Die französische Station Pleumeur-Bodou unterstützte uns dabei sehr. An mehreren Aspekten musste gearbeitet werden: Die Empfangskette und die Elektronik sollten für die Sendefrequenz von Artemis umgebaut werden, die Antennenposition musste genau bekannt sein, und die Motoren sollten so gesteuert werden, dass die Antenne das Raumschiff verfolgen kann. Die empfangenen Signale mussten exakt aufgezeichnet, analysiert und in das NASA-Format umgewandelt werden.

Die Vorbereitung auf die Artemis-II-Mission

Unser Team erweiterte sich mit Norbert Rüdiger für die Funktechnik und Dr. Martin Lützelberger für die Antennensteuerung. Der ursprünglich geplante Raketenstarttermin wurde mehrfach verschoben. Dadurch konnte zusätzliche Zeit für die Vorbereitung gewonnen werden.

Im Januar wurden die neuen 17-Bit-Winkelgeber mit der Sonne kalibriert. Aufgrund der besonders niedrigen Temperaturen liefen die Motoren nicht immer reibungslos. Warmes Öl wurde in die Hauptlager gesprüht, um eingefrorenes Wasser zu entfernen; außerdem wurden Heizdecken installiert. Manchmal musste man im Schneesturm die Kurbel drehen, um die 40 Tonnen schwere Antenne zu bewegen.

Norbert Rüdiger verfügt über große Erfahrung mit Erde-Mond-Erde-Funkverbindungen und zählt europaweit zu den führenden Spezialisten auf diesem Gebiet, insbesondere bei hohen Frequenzen. In der Erde-Mond-Erde-Community ist es nicht ungewöhnlich, leistungsstarke Hochfrequenztechnik selbst zu entwickeln und zu bauen, da entsprechende Geräte kommerziell oft nicht verfügbar sind.

Norbert entwickelte die Empfangskette und fertigte Komponenten in seiner Werkstatt in Dresden an. Der Empfänger wurde direkt im Brennpunkt der Schüssel installiert. Da die Strecke vom Brennpunkt bis zum Steuerungsraum mit 50 Metern sehr lang ist, entstehen dort Dämpfungsverluste.

Zur Vorbereitungsphase gehörten auch praktische Arbeiten direkt in der Schüssel sowie der Empfang einer chinesischen Delegation im Februar 2026.

Für den Betrieb der Azimut- und Elevationsmotoren war noch der alte Elektronikschrank funktionsfähig, und die vorhandene Dokumentation war sehr hilfreich. Das Zusammenspiel alter analoger Technik mit modernen digitalen Prozessoren war eine zentrale Aufgabe. Dr. Martin Lützelberger konzipierte eine Leiterplatte und schrieb das Programm für die Motorsteuerung.

Die Signale aus dem Orion-Raumschiff mussten mit präzisen Zeitstempeln aufgezeichnet werden. Die Firma Aaronia unterstützte uns dabei mit einem Spektrumanalysator. Die Messungen mit hoher zeitlicher Abtastung erzeugten rund 200 Gigabyte Messdaten pro Stunde, weshalb entsprechender Speicherplatz organisiert werden musste. Die ersten Empfangstests wurden mit Signalen des James Webb Space Telescope und der Raumsonde ACE durchgeführt.

Während der Mission

In der Nacht vom 7. auf den 8. April 2026, am Tag 7 der Artemis-II-Mission, wurden in Neu Golm Signale aus dem Orion-Raumschiff erfolgreich empfangen. Die Nachführung funktionierte zum ersten Mal sehr stabil, mit einer Genauigkeit von 0,01 Grad. Auf dem Bildschirm war ein Peak eindeutig sichtbar. Um 3:00 Uhr nachts waren Dr. Alexander Stendal, Dr. Martin Lützelberger und Dr. Safia Ouazi vor Ort an der Station.

Am achten Tag der Mission, in der Nacht vom 8. auf den 9. April, wurden weitere Signale gemessen. Danach befand sich das Raumschiff zu tief über dem Horizont, um weitere Messungen durchführen zu können. Ein Teil der Messdaten wurde bereits erfolgreich in die NASA-Cloud hochgeladen; die Auswertung ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Dazu stehen wir im kontinuierlichen Austausch mit der französischen Station Pleumeur-Bodou sowie mit weiteren Expertinnen und Experten.

Nach der Artemis-II-Mission

Das Artemis-Projekt an der Erdfunkstelle Neu Golm stieß am Robert-Havemann-Gymnasium auf großes Interesse. Im Rahmen eines Quiz zur Mission konnten die besten Schülerinnen und Schüler NASA-T-Shirts und Tassen gewinnen.

Eine öffentliche Veranstaltung zum Artemis-Projekt an der Erdfunkstelle ist für den Herbst 2026 geplant. Durch unsere Teilnahme an der Verfolgung der Artemis-Mission konnten wir bedeutende technische Fortschritte erzielen. Unsere neu reaktivierte Station hat dadurch auch international Aufmerksamkeit und Anerkennung gewonnen. Wir hoffen, künftig an der Verfolgung der Artemis-III-Mission teilnehmen zu können.